Vorgeschichte

Wie den Prollen Stollen wuchsen.
Eine protokollarische Zeitreise durch das fußballerische Schaffen eines Haufens, der dem Untergang geweiht war, um doch noch den Fußballzauber für sich zu entdecken.

Es muss ein Samstagnachmittag des ausklingenden Winters 2002 gewesen sein. Ich war gerade dabei, die in der Ecke hängenden Manni-Kaltz-Gedächtnisstiefel zu entstauben, die ihrer Funktion als Mahnmal anhaltender fußballerischer Untätigkeit nachkamen und hörte nebenbei im Radio die fachkundigen Bundesliga-Kommentare der Kollegen Uwe Barn und Manni Breuckmann, als sich das Telefon zu Wort meldete, um meine wochenendliche Fußball-Putz-Zeremonie jäh zu unterbrechen. Erleichtert stellte ich fest, dass es sich bei dem unpässlichen Anrufer um den alten Kollegen Leone handelte. In der Annahme, es erwarte mich die übliche Korrespondenz hinsichtlich des bevorstehenden Samstagabends, spulte ich gewohnheitsmäßig mein wortkarges Telefonpensum ab. Doch neben solchen spannenden Fragen wie der, in welcher Lokalität wir die unvermeidlichen Samstagabendbiere zu uns nehmen würden, erwähnte mein geschätzter Freund in diesem Gespräch etwas von “Fußballschuhe kaufen”. Nun heiße es Stiefel geschnürt und rauf auf’en Platz. Er habe eine Truppe ausfindig gemacht, die sich “Prollen mit Stollen” nenne und die auf der Suche nach qualitativ hochwertigen Spielern sei. Selbstgefällig gingen wir beide erstmal davon aus, diesem Prädikat entsprechen zu können und dieser Mannschaft mit dem komischen Namen, die sich anschickte, in derWilden Liga zu spielen, weiterhelfen zu können. Ein Trainingstermin stand auch schon im Raum und schon zu diesem Zeitpunkt ging mir der vielzitierte Satz durch den Kopf, den unser oller Stürmerrecke Lars auch heute noch gerne kurz vor dem Anstoß zu sagen pflegt: “Ich bin sauheiß!”. Das erste Training, dem ich beiwohnte, fand an einem vergraupelten, düsteren Tag Anfang März statt, und als ich zu den fünf Hartgesottenen dazustieß, die da am Werdersee zwischen zwei Schneeregenschauern auf die als Tore plazierten Rucksäcke spielten, war ich mir bereits sicher: Hier wächst etwas Großes heran. Dass die eigene Fähigkeit, das runde Stück Leder mit meinen unteren Extremitäten zu bearbeiten, seit der Zeit in der C-Jugend eines westfälischen Kleinstadtvereins rapide abgenommen hatte, war eine der Erkenntnisse, die ich aus der ersten schlammreichen Trainingseinheit zog. So oder so, denkwürdig wird dieses erste Training für mich immer bleiben, vordergründig wahrscheinlich durch die grandiose Vorstellung des Sportskameraden Leone. Mein alter Weggefährte, später Bruder Eisenfuß und nicht wegzudenkender Bestandteil der prolligen Defensive, traf, motiviert bis in die Haarspitzen, ausgestattet mit nagelneuen Schuhen der Marke ‚Victory’, beim Training ein und ging sofort in die Vollen. Dabei mag er die Tatsache nicht berücksichtigt haben, dass sich jahrelange sportliche Untätigkeit und ein vielleicht nicht immer gesundheitsförderlicher Lebensstil, der auch am durchzechten Vorabend zur Geltung gekommen war, konditionell nicht unbedingt positiv auswirken. Dies bekam er dann um so mehr nach fünfminütiger Kostprobe seines fußballerischen Könnens zu spüren, als ein letzter Spurt Richtung gegnerisches Tor im Gebüsch endete, wo er kotzend seine verbliebenen Innereien Mutter Natur übergab (im wahrsten Sinne des Wortes). Und solche Anekdoten werden es dann wohl auch sein, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft auf den Spuren von Kaiser Franz (und Thomas Schaaf) einsam über die Findorffer Bezirkssportanlage schlendern werde, um den ersten Titel mit diesem komischen Haufen namens „Prollen mit Stollen“ würdig zu begehen. „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“ A.Brehme (2002) Um auf den Boden und zu den Tatsachen zurückzukehren, betrachte man in einem kurzen Rückblick das fußballerische Jahr 2002 im Mikrokosmos Wilde Liga Bremen. Stellte man während der ersten Freundschafts- und Meisterschaftsspiele nicht nur fest, dass man einige Leute dieses langsam zusammenwachsenden Teams bereits aus zwielichtigen Bremer Lokalitäten oder von unrühmlichen Abenden auf St.Pauli her kannte, so merkte man ebenfalls schnell, dass die Stollen nicht in den Himmel wachsen und dass einstellige Niederlagen unter Umständen gar nicht so schlecht sein können. Zudem stellte sich heraus, dass die fußballerischen Grundsätze in der Wilden Liga die gleichen waren wie ein paar Etagen höher in der Bundesliga auch. Dies kam uns insbesondere zugute, als an einem kühlen Apriltag der Pokal eben seine eigenen Gesetze hatte und in der fortschreitenden Bremer Dämmerung eine junge, unbekannte Mannschaft den Vorjahresvizemeister Stümper 02 in der ersten Runde des Nord-Pokals durch ein spätes Siegtor mit 1-0 nach Hause schickte. Leider galt nur der unter Fußballern unbestrittene Fakt von den Neulingen, die es immer schwer haben, auch. Im Angriff konnte man in dieser ersten Saison noch hin und wieder mit viel Wohlwollen von gelungenen Ansätzen sprechen: Hier ein Freistoßtor von Jonas, da ein Solo von Olo (der aus reimtechnischen Gründen umgetauft wird), auch mal ein Abstauber von Lars (auch heute noch Meister der Effizienz), und auch der Rest, die anderen Jonasse, Leons und Sebisten, nicht zu vergessen die Philippinner und Kevinisten, wussten sich als Kern dieser stilistisch unbestrittenen Fußballtruppe zu etablieren. Bedauerlich nur, dass auf ein selbst geschossenes Tor anfänglich immer drei auf der Haben-Seite des Gegners standen. So geriet man mal mehr, mal weniger unter die Räder der Vibratoren, Elfen, Kosmonauten und wie sie nicht alle heißen, und auf Dauer konnte man auch nicht die schlechten Außenbedingungen auf Findorffs Fußballplätzen, die billigen Fußballschuhe von Deichmann oder den zu langen Vorabend als Gründe des Scheiterns anführen. So endete die erste Saison mit zweieinhalb Siegen, und das auch nur, weil man eingesehen hatte, dass ein Unentschieden fortan als halber Sieg anzusehen war. Trotzdem wurde das während der Spielzeit korrigierte Saisonziel, nicht abzusteigen, doch noch mit Bravour erreicht, wenn auch mangels Existenz einer niedrigeren Spielklasse. Denkwürdig in dieser Saison u.a. das Spiel gegen Wadenbeißer United, bei dem man zwischenzeitlich knöcheltief im Wasser stand, ohne Anstalten zu machen, das Spiel zu beenden („Ey, wir ham erst so wenig Spiele, wir müssen das zuende bringen“ hieß es von gegnerischer Seite). Der Findorffer Fußballplatz wurde zum Wankdorfstadion, der Regen prasselte unaufhörlich nieder, und immer wieder der rechte Läufer von Wadenbeißer, der so langsam zum Schwimmer wurde. So verlor man 1-2 und hatte zudem noch plausible Ausreden wie die, dass „so ein Spiel anders läuft, wenn der Ball am Anfang reingeht“ und nicht in der Pfütze auf der Torlinie verhungert. Man wußte also, wo es langgeht in dieser Liga. Ansonsten: Lupenreine Niederlagen, wunderschöne Gegentore und elf Portionen Frust auf dem Platz. „After Regen comes immer the sun“ R.Bogdanovic (2003) Es war also klar, in der Winterpause musste ein Ruck durch Deutschland…nein, natürlich ein Ruck durch diese Mannschaft gehen. Trainingsfrei über Weihnachten fiel dementsprechend aus, als weitere Motivationshilfe wurden die heute geradezu legendären Veedol-Trikots in den Farben des AC Mailand angeschafft, und sowieso wurde erst mal weiterhin schöngeredet, was schöngeredet werden konnte. Mit Erfolg, wie sich in der Saison 2003 herausstellte. Hatte man sich zuvor noch seinen angestauten Frust für Partien gegen die seinerzeit noch existierenden AS Coma aufgehoben, wurde die Unzufriedenheit nun mitunter umgesetzt in Übersteiger, Fallrückzieher und spielerische Brillianz. Verlor man im Pokal gegen Lieblingsgegner Stümper erwartungsgemäß noch mit 1-5, konzentrierte man sich im weiteren Verlauf eben auf die Meisterschaft und fertigte die grand seniors der Wilden Liga dort eben mit 4-1 ab. Nach einigen weiteren Erfolgen war die Marschrichtung klar; der Champions-League-Qualifikationsplatz war drin, keine Frage. Eine neue Stollen-Elite war gebildet, ohne großartig auf dem Transfermarkt tätig gewesen zu sein, nun konnte jeder Gegner kommen, dessen waren wir uns sicher. Gut, dass uns Angstgegner Höttges Erben zwischendurch noch mal die Leviten las und uns 9-3 vom Platz fegte, bevor diese Mannschaft in Selbstzufriedenheit ersoffen wäre. Fakt war jedoch, wir hatten ein bisschen dazugelernt, hatten uns in der Liga etabliert und solche denkwürdigen Spiele wie gegen den späteren Meister Stahl Eisen (ein 5 (in Worten:fünf) zu 3) oder Eintracht Prügel (wo wir nach einer 4-0-Halbzeitführung geilerweise aus Spannungsgründen noch das 4-4 zuließen, um dann letztendlich 5-4 zu gewinnen) für uns entschieden. Dementsprechend war der vierte Platz zum Saisonende in unseren Augen alles andere als undankbar, nun gab es auch trainingsfrei zu Weihnachten und man konnte der nächsten Saison etwas gelassener entgegensehen. Spektakuläre Abgänge wie Joachims Karriereschub Richtung ATS Buntentor wurden genauso verkraftet wie die ersten Verletzungspausen (es ist schon ein Kreuz mit Dennis.. Band). Neuzugang Sören, aus den Tiefen des Teutoburger Waldes gekommen, konnte präsentiert werden und schnell drängten sich, ob rasiert oder unrasiert, Vergleiche mit dem jungen Paul Breitner auf. „Es wäre verkehrt, jetzt Amok zu laufen.“ O.Kahn (2004) Tja, und nun versuchen wir uns fleißig daran, Protagonisten einer Erfolgsstory zu werden und nicht ein längerfristiges Dasein im Mittelmaß zu fristen. Bleibt zu hoffen, dass wir nicht so lange brauchen wie diese etwas größere Mannschaft, die auf einem dieser Fußballplätze am Osterdeich spielt, um die Großen der Liga hinter uns zu lassen. Zweitausendundvier brachte bisher immerhin schon die längste Siegesserie in der Geschichte, und vielleicht steht ja am Ende der Saison eine weitere Verbesserung in der Abschlusstabelle zu Buche. „ZH Schickmich“ wurden zwar geschickt, aber nach Hause mit 4-0, und sowieso hatten die ersten Kontrahenten nicht viel zu lachen, bis wir irgendwann standesgemäß dem Schlendrian „Hallo“ sagten und ihn willkommen hießen, was Konditionskombinat, Stümper &Co. für eine gute Idee hielten. Jedenfalls ist man angekommen in dieser Liga der ewigen Talente und untalentierten Ewigen, in der Gesellschaft des Scheiterns und Gescheitert-Seins. Mittlerweile wissen wir, welcher Stahl Eisen-Stürmer zu fürchten ist, unseren Angstgegner haben wir auch schon gefunden (da haben sie wohl ein bisschen zu viel von Höttges geerbt), und sie alle sind keine Unbekannten mehr, ob das nun „Lunge“ ist mit seinem Hang zum Moskowskaya, ob das der interrupte Gegenspieler ist, den man nur „der-mit-dem-Halstuch“ nennt und den man wie einen alten Bekannten begrüßt oder ob das Stümper-Jens ist, von dem mannschaftsintern schon bekannt ist, in welchem Supermarkt man ihn beim Einkaufen trifft. „Nehmt Euch in acht“, möchte man ihnen im Vorbeigehen zuhauchen, denn was zählt ist immer noch auf dem Platz und wir sehen uns nächsten Sonntag in Findorff und solange rechnerisch noch alles möglich ist, solange werden wir tacklen und grätschen, dribbeln und fighten. Und prollen. Mit Stollen. Uthoff 2004 Zum Schluß ein bißchen Prolllyrik.

„After Regen comes immer the sun“,
sagte einst ein kluger Mann.
Sprach es nach einem verregneten Fußballmatch,
man verlor es zwei oder drei zu sechs.
Und wie oft wir blind die Bälle vergeigen,
in der Vorrunde gegen Wadenbeißer ausscheiden,
das Leder in die Waller Vorgärten schießen,
unsern Niederlagenfrust im „Bumpers“ begießen,
so denke ich nur kurz an diesen Satz, in dem Wissen
‚Was zählt ist auffem Platz’, da können die andern noch so Prollen,
Wir werden sie einhol’n mit unseren Stollen.